MSNZ Fellow Dr. Ann-Christin Hau ist Clinician Scientist – forschende Ärztin. Doch ihr Weg dorthin verlief eher ungewöhnlich: Mit Abschluss des Medizinstudiums und Verleihung der Approbation endete im Dezember 2025 für die Naturwissenschaftlerin und Nachwuchsgruppenleiterin im Dr. Senckenbergischen Institut für Neuroonkologie ein langer und anspruchsvoller Weg.
Nach ihrem naturwissenschaftlichen Studium der Biologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und der anschließenden Promotion im Fach Neurobiologie am Edinger Institut der Goethe Universität Frankfurt verbrachte Ann-Christin Hau zunächst einen internationalen PostDoc-Aufenthalt am Luxembourg Institute of Health und dem Laboratoire National de Santé in Luxemburg. Glücklicherweise konnte sie das Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum (MSNZ) Frankfurt, mit Unterstützung des Frankfurt Cancer Instituts (FCI), im Jahr 2022 für eine Nachwuchsgruppenleitung in Frankfurt begeistern. Seitdem leitet sie die Arbeitsgruppe Translationale Neuroonkologie, forscht an molekularen Prozessen bei der Entstehung von Gliomen und etabliert Modellsysteme, die von vielen Arbeitsgruppen genutzt werden.
Doch schon während der Postdoktorandenzeit in Luxemburg war bei der Nachwuchsforscherin der Wunsch entstanden, den Patienten und Patientinnen auch unmittelbar zu helfen, und nicht nur durch die Erforschung von Krebserkrankungen an der Laborbank zur Verbesserung von Therapien beizutragen. Sie begann an der Universität des Saarlandes ein Medizinstudium, welches sie parallel zu ihrer erfolgreichen Forschungstätigkeit absolvierte und vor einem halben Jahr mit der letzten Prüfung und Approbation abschloss. Das MSNZ Frankfurt gratuliert ganz herzlich zu diesem Erfolg und hat sie zu ihrem Weg in die Tätigkeit als Clinician Scientist interviewt:
MSNZ: Was war Ihre Motivation, nach der naturwissenschaftlichen Ausbildung zusätzlich noch ein Medizinstudium zu absolvieren?
A.-C. Hau: Es gab mehrere Gründe. Zum einen bereitet mir die Arbeit in der Klinik sehr viel Freude. Dort kann ich den Patientinnen und Patienten direkter helfen, was eine gute Ergänzung zur Forschung darstellt. Zum anderen spielte für mich auch die strukturelle Situation in der Wissenschaft eine große Rolle. Als Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler sind wir häufig auf der Suche nach langfristigen, planbaren Perspektiven. Also nach Positionen, in denen wir inhaltlich eigenständig arbeiten können, ohne uns dauerhaft den Rahmenbedingungen befristeter Stellen unterordnen zu müssen. Ich habe mir damals gedacht: Ein Medizinstudium gibt mir eine stabile berufliche Basis. Es sichert meinen Lebensunterhalt und ermöglicht mir im Idealfall eine gute klinische Anbindung, um meine Forschung weiterzuführen. Wissenschaftliches Arbeiten, Drittmittelanträge schreiben, Projekte konzipieren – das kann ich. Die Kombination aus Klinik und Forschung und eine Tätigkeit als Clinician Scientist erschien mir daher als ein strategisch kluger und inhaltlich sinnvoller Schritt.
Gleichzeitig finde ich es auch nachdenklich stimmend, dass jemand mit einer sehr fundierten naturwissenschaftlichen Ausbildung und einer Promotion mit summa cum laude überhaupt das Bedürfnis verspürt, sich zusätzlich beruflich absichern zu müssen. Die anhaltende Debatte rund um #IchbinHanna – unter anderem von Amrei Bahr angestoßen – zeigt sehr deutlich, wie prekär wissenschaftliche Karrierewege in Deutschland oft sind. Viele hervorragend qualifizierte Personen verlassen die Wissenschaft nicht aus mangelnder Leidenschaft, sondern aufgrund struktureller Unsicherheiten. Es gibt natürlich einige Bemühungen, diese zu beseitigen: Programme wie das Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum der Deutschen Krebshilfe arbeiten ja schon länger an Best-Practice-Lösungen für dieses Problem. Aber aus meiner Sicht steht das System Wissenschaft hier noch am Anfang eines langen Prozesses.
MSNZ: Der Spagat von Clinician Scientists zwischen Klinik und Forschung ist eine bekannte Herausforderung. Wie wollen Sie damit umgehen?
A.-C. Hau: Der Spagat ist strukturell bedingt und nicht allein durch „mehr arbeiten“ lösbar. Forschung nach Feierabend ist weder nachhaltig noch konkurrenzfähig. Entscheidend sind aus meiner Sicht daher klar vertraglich gesicherte Forschungszeiten, eine strategische Fokussierung und vor allem Teamstrukturen statt Einzelkämpfer-Modelle. Ein Beispiel dafür ist unser duales Führungsmodell in meiner Arbeitsgruppe. Dr. Tanja Buhlmann konnte dank des MSNZ als Postdoc zusammen mit mir aus Luxemburg nach Frankfurt kommen und hat hier schnell Verantwortung als Co-Leitung übernommen. Dieses Modell haben wir inzwischen auch im MSNZ-Netzwerk vorgestellt und erhalten dafür viel positive Resonanz. Bei dem Modell geht es nicht um eine starre 50:50-Teilung, sondern um Flexibilität. Verantwortungsanteile können je nach Budget, Projektlage oder persönlichen Lebensumständen angepasst werden. Das reduziert Überlastung, erhöht die Qualität der Forschung durch kontinuierlichen Austausch und schafft für beide Partner echte Karriereperspektiven. Gerade im klinisch-wissenschaftlichen Kontext halte ich solche kooperativen Modelle für zukunftsweisend. Langfristig braucht es aber vor allem zusätzlich institutionelle Lösungen und verlässliche Karrierepfade, neben der Unterstützung durch Programme wie das MSNZ.
MSNZ: Wie soll es für Sie die nächsten Jahre weitergehen? Was sind Ihre nächsten Ziele, die Sie nach dem Zweitstudium nun angehen können?
A.-C. Hau: Kurzfristig möchte ich meine klinische Weiterbildung strukturiert aufbauen und gleichzeitig meine bestehenden Forschungsprojekte stabilisieren. Das bedeutet ganz konkret: Prioritäten setzen und beide Bereiche realistisch planen. Mittelfristig ist mein Ziel, meine Forschung konsequent in die klinische Anwendung zu überführen und aktiv an klinischen Studien mitzuwirken.
Translation darf kein Schlagwort bleiben – sie bedeutet, Studien mitzugestalten, Patientenkohorten aufzubauen und Forschung tatsächlich in Versorgungskonzepte zu integrieren. Dafür braucht es aber Konzepte für Hybridmodelle, und wahrscheinlich auch eine langfristige Änderung von vorhandenen Strukturen und viel institutionelle Offenheit.
Die Realität bleibt derzeit aber anspruchsvoll: Kliniken stehen wirtschaftlich unter Druck, Teilzeitmodelle sind häufig schwer umsetzbar, und für die Anerkennung von Weiterbildungszeiten ist häufig eine überwiegende klinische Tätigkeit erforderlich. Gleichzeitig bin ich selbst derzeit zu 100 % in der Forschung – an meinem persönlich passenden „Hybridmodell“ arbeite ich also noch.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem, was auch mich in der neuen Rolle als Clinician Scientist betreffen wird: Forschungszeit ist in bei Unterbesetzung in Kliniken nicht automatisch geschützte Zeit. Die Versorgung der Patienten geht vor: Wenn Personal fehlt, wird man klinisch eingesetzt und muss die Forschung zurückstellen. Diese Erfahrung, die viele meiner forschenden ärztlichen Kolleginnen und Kollegen machen, zeigt deutlich, dass man beiden Rollen langfristig nicht gerecht werden kann, wenn nicht weiter an verlässlichen und flexiblen Strukturen gearbeitet wird. Langfristig wünsche ich mir daher eine Position, in welcher Klinik und Wissenschaft integrativ gedacht werden – mit klar definierten Zeitkontingenten, struktureller Verlässlichkeit und ausreichend Gestaltungsspielraum – um beidem wirklich gerecht zu werden.
MSNZ: Vielen Dank für die Einblicke und viel Erfolg für den weiteren Weg als Clinician Scientist!



