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Patienten melden sich zu Wort

Warum Psychoonkologie? Sicht einer Patientin der Universitätsklinik Frankfurt am Main

Krebs beginnt im Bewusstsein erst bei der Mitteilung der Diagnose, dann aber verändert sich das Leben schlagartig. Wie lange werde ich noch leben? Das habe ich mich wie wohl jeder Betroffene gefragt. Das medizinische Konsortium stand bereit, alle Fragen zur Organentfernung, Wirkung der Chemotherapie und Zielrichtung der Bestrahlung zu beantworten. Gespräche über diese Themen sind ihrem Gegenstand gemäß meist technisch ausgerichtet, und so sah ich mich plötzlich als Besitzer eines Körpers, über dessen weiteren Verbleib nun wie über ein von mir getrenntes Objekts verhandelt wurde, etwa so als bespreche man mein Auto vor einer umfassenden Reparatur. (Natürlich wissen alle, dass dieses Auto nicht eintauschbar, unikal ist, ein schon während seiner Benutzung historisch gewordenes Modell, das möglichst lange erhalten werden soll – aber das ändert nichts an den praktischen Prioritäten des Therapiegeschäfts; für deren ausgefeilte Methodik wir ja im Übrigen sehr dankbar sind!) Dem Reparaturziel entsprechend wurde eine gewaltige Maschinerie in Gang gesetzt, von deren Einsatz man mir lakonisch sagte: „Sie bekommen die volle Ladung.“ Auch auf die onkologische Behandlung kann man sich, ebenfalls wieder technisch betrachtet, einstellen. Ich optimierte mein Umfeld: ein bequemes Zuhause, die richtige Ernährung und Kleidung...

Ich habe meine Psychotherapie erst gegen Ende meiner medizinischen Behandlung begonnen, denn für mich war der Übergang in die fünfjährige Nachsorgezeit schwieriger als die Zeit der Behandlung selbst. Diese war den medizinischen Leitlinien entsprechend verlaufen. Die Leitlinien meines Lebens aber waren mir mit der Diagnose abhanden gekommen. Alle an mich gestellten Ansprüche, selbst die aus mir selbst geschöpften und solche die eigentlich Freude bereiten sollten, war nun eine Belastung. Ich konnte mir nicht mehr vorstellen, jemals wieder zu arbeiten, eine neue Wohnung einzurichten, oder meine Partnerschaft an schwierigen Punkten weiter zu entwickeln. Auch als ich nach acht Monaten körperlich etwas stabilisiert war trotz der fortlaufenden medizinischen Behandlung, erschien mir mein ehemaliges Lebensumfeld weiterhin als eine Bruchlandschaft. Die Aussicht, diese betreten zu müssen, erzeugte in mir einen zuvor nie so vehement empfundenen, schlafraubenden Stress. Ich musste erkennen, dass ich, um weiter zu bestehen, meine Zukunft – beruflich und privat – neu gestalten musste. Aber wie?

Der Weg in die Psychoonkologie an der Universitätsklinik Frankfurt war einfach gewesen. Man hatte mir nämlich schon bald nach der Diagnose das Gespräch angeboten, hatte mir eine Rettungsleine zugeworfen, die ich nun nutzen konnte. Anstatt zu versuchen, die schweren Bruchstücke meines Lebens alleine wieder zusammenzufügen, konnte ich sie erst einmal – sinnbildlich gesprochen – aus dem unwegsamen Gelände zerren um sie einzeln mit meiner Therapeutin zu begutachten. Entfernt von meinem zwar wohlwollenden, aber durch die traumatischen Ereignisse doch sehr mitgenommenen sozialen Umfeld, konnte ich belastende Themen jetzt in meinem ganz persönlichen Schutzraum besprechen. In diesen Gesprächen ist vieles Schwere, Unverrückbare plötzlich leicht geworden, verschiebbar, und neu einsetzbar. Und siehe da, meine aus diesen Therapiestunden mitgenommenen Einsichten machten es zunehmend einfacher, mein Lebensumfeld neu einzurichten. Die Therapie hat mir geholfen zu sehen wo ehemalige Lebenskonzepte nicht mehr passen und sich Prioritäten verändert haben, und diese Erkenntnis erst einmal ins Bewußtsein zu heben, um dann daraus eine Strategie für die Verwirklichung meiner neu formulierten Wünsche zu entwickeln. Ich lebe jetzt nach neuen Leitlinien, die mir helfen, Stress zu vermeiden. Zum Beispiel reise ich weniger in die Ferne, sondern freue mich an der Radtour im Havelland; arbeite fokussierter aber mit größeren Pausen, pflege Freundschaften tiefer, und nehme mir insgesamt gründlicher Zeit für weniges, anstatt durch vieles zu hetzen...

Warum ist Psychoonkologie komplementär zu der medizinische Behandlung wichtig? Nicht nur, wie ich zuvor annahm, um den Umgang mit der Rezidivangst zu lernen. Sondern auch wegen der Dringlichkeit, mit und nach der Krankheit ein bestmögliches Leben zu führen. Mich hat die onkologische Psychotherapie in ein seelisch und körperlich ausgewogenes Leben geführt, eines, von dem auch mein soziales Umfeld profitiert. Mein gutes Leben ist der Beitrag, den ich zur Erhaltung meiner Gesundheit leisten kann.



Prof. Dr. I. Brückle

Erstellt von: S. Ohm, erstellt am: 12.09.2011, zuletzt geändert: 12.09.2011

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