Lange galten Gliome als immunologisch „kalte“ Tumoren, die keine nennenswerten Immunreaktionen hervorrufen. Eine neue Studie zeigt nun: In einem Teil dieser Hirntumoren bilden sich funktionelle Immunzell-Strukturen, die mit einer aktiven Abwehrreaktion und einem besseren Überleben der Patientinnen und Patienten verbunden sind.
Gliome sind die häufigsten bösartigen primären Hirntumoren bei Erwachsenen. Aufgrund ihres immunsuppressiven Tumormilieus und der besonderen Barrieren des zentralen Nervensystems sprechen sie bislang kaum auf Immuntherapien an. Ein Forschungsteam des Edinger Instituts, des Universitären Centrums für Tumorerkrankungen (UCT) Frankfurt und des LOEWE-Zentrums Frankfurt Cancer Institute (FCI) hat nun entdeckt, dass in einem Teil dieser Tumoren sogenannte tertiäre lymphoide Strukturen (TLS) entstehen. Dabei handelt es sich um organisierte Ansammlungen von Immunzellen, die ähnlich wie Lymphknoten Merkmale aktiver Immunantworten aufweisen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Immunity veröffentlicht.
Immunstrukturen in 15 Prozent der Gliome nachgewiesen
Das Forschungsteam untersuchte Gewebeproben von 642 Gliomen und fand in rund 15 Prozent dieser Proben TLS. Diese Strukturen ähneln den Keimzentren von Lymphknoten und bestehen aus B- und T-Lymphozyten, dendritischen Zellen sowie Komponenten des Bindegewebes. Durch moderne molekulare Analysen der Gewebearchitektur auf RNA- und Proteinebene und mithilfe bioinformatischer Methoden konnten die Forscherinnen und Forscher drei unterschiedliche TLS-Subtypen identifizieren, die sich in ihrer zellulären Zusammensetzung und Immunaktivität unterscheiden.
Obwohl die TLS in Gliomen keine klassischen Keimzentren wie in Lymphknoten zeigen, fanden die Forschenden Anzeichen einer aktiven Immunreaktion: Bestimmte T- und B-Zellen vermehrten sich, es bildeten sich Plasmazellen, die Antikörper (IgA⁺ und IgG⁺) produzierten, und Immunzellen standen in engem Kontakt.
Diese Befunde deuten darauf hin, dass es eine Untergruppe von Gliomen gibt, in der das Immunsystem zumindest teilweise aktiv ist – was die Chancen für Immuntherapien in Zukunft verbessern könnte. Bemerkenswert war zudem, dass Patientinnen und Patienten mit funktionellen TLS deutlich länger überlebten.
Ein möglicher Biomarker als Ansatzpunkt für Immuntherapie
Das Forschungsteam plant TLS künftig als Biomarker zu nutzen, um Gliome genauer zu klassifizieren und Patientinnen und Patienten zu identifizieren, die möglicherweise auf Immuntherapien ansprechen Eine einfache Antikörper-Testung auf TLS-Marker könnte in Zukunft zeigen, welche Tumoren ein aktiveres Immunsystem aufweisen und somit für immuntherapeutische Strategien infrage kommen.
Förderung und Zusammenarbeit
Die translationale Studie ist ein Ergebnis enger Zusammenarbeit innerhalb der Universitätsmedizin Frankfurt. Prof. Dr. Katharina Imkeller, FCI-Professorin für Translationale Neuroonkologie und Quantitative Immunologie, führte mit ihrem Team die umfassende Analyse der multi-modalen räumlichen Daten durch – sie wurden mithilfe der Immunomontoring-Plattform des LOEWE-Zentrums Frankfurt Cancer Institute (FCI) unter Leitung von PD Dr. Yvonne Reiss und Prof. Dr. Karl H. Plate, der die Studie initiiert hatte, generiert. Die Gewebeproben stammten aus der Routinediagnostik am Edinger Institut und der Biobank des UCT Frankfurt, die auch die klinischen Verlaufsdaten bereitstellte.
Die Arbeit wurde durch das Mildred-Scheel-Nachwuchszentrum (MSNZ) Frankfurt-Marburg, das Deutsche Konsortium für Translationale Krebsforschung (DKTK, Partnerstandort Frankfurt/Mainz) sowie weitere Förderungen unterstützt.
Publikation:
Cakmak, P., Lun, J.H., Singh, A., Macas, J., Schupp, J., Schuck, J., Mahmoud, Z., Köhler, M., Starzetz, T., Burger, M.C., Steidl, E., Hasse, L.M., Hattingen, E., Plate, K.H., Reiss, Y, Imkeller, K. Spatial immune profiling defines a subset of human gliomas with functional tertiary lymphoid structures; Immunity, October 21,2025.
doi: 10.1016/j.immuni.2025.09.018
Für weitere Informationen:
Prof. Dr. Katharina Imkeller
Edinger Institut (Neurologisches Institut)
Universitätsmedizin der Goethe Universität Frankfurt
Telefon: +49 69 63 01 – 84 15 8
E-Mail: katharina.imkeller@unimedizin-ffm.de
Internet: www.unimedizin-ffm.de
Über die Universitätsmedizin Frankfurt
Die Universitätsmedizin Frankfurt, gegründet im Jahr 1914, zählt zu den führenden hochschulmedizinischen Einrichtungen Deutschlands. Sie bietet ihren Patientinnen und Patienten eine bestmögliche medizinische Versorgung in 33 Kliniken und klinischen Instituten. Der enge Bezug zur Wissenschaft – Universitätsmedizin und Fachbereich Medizin betreiben mehr als 20 Forschungsinstitute – sichert den Patientinnen und Patienten eine zeitnahe Umsetzung neuer Erkenntnisse in die diagnostische und therapeutische Praxis. Rund 1.300 stationäre und tagesklinische Betten stehen zur Verfügung. Zahlreiche Kliniken und Institute widmen sich medizinisch-wissenschaftlichen Spezialleistungen. Jährlich werden circa 46.000 stationäre und mehr als 480.000 ambulante Patientinnen und Patienten betreut. Besondere interdisziplinäre Kompetenz besitzt die Universitätsmedizin unter anderem auf den Gebieten der Neurowissenschaften, Onkologie und kardiovaskulären Medizin. Auch als Standort für Organ- und Knochenmarktransplantationen, Dialyse sowie der Herzchirurgie und Neurochirurgie nimmt sie besondere Aufgaben der überregionalen medizinischen Versorgung wahr. Das Leberzentrum ist die einzige Einrichtung für Lebertransplantation in Hessen. Ein Alleinstellungsmerkmal gemäß Versorgungsauftrag nach dem Hessischen Krankenhausgesetz besteht für die Region Frankfurt-Offenbach neben der Herzchirurgie auch für die Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgie, die Dermatologie und die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mehr als 8.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich rund um die Uhr um die Patientinnen und Patienten.
Herausgeber: Der Vorstand der Universitätsmedizin Frankfurt. Redaktion: Christoph Lunkenheimer, Pressesprecher, Stabsstelle Kommunikation, Theodor-Stern-Kai 7, 60590 Frankfurt am Main, Telefon: +49 69 63 01 – 86 44 2, E-Mail: christoph.lunkenheimer@unimedizin-ffm.de



